Kinästhetik

Kinästhetik in der Pflege
Kinästhetik unterstützt schonend die Bewegung von Patienten ohne Heben oder Tragen
Die 6 Konzepte der Kinästhetik
Abb. 1.1 Die 6 Konzepte der Kinästhetik

Bei der Kinästhetik handelt es sich um ein Handlungskonzept, bei dem die Bewegung von Patienten schonend unterstützt wird (z. B. ohne Heben und Tragen). Ziel soll eine deutliche Verbesserung der Motivation des Pflegebedürftigen durch Kommunikation, Berührung und Bewegung sein.

Abstammung:
altgriechisch: kineō - bewegen, sich bewegen, aisthēsis - Wahrnehmung, Erfahrung
Englisch:
kinesthetics, kinaesthetics

Grundlagen

Die Grundlagen der Kinästhetik (auch als Kinaesthetics bezeichnet) bilden ⇒ die Verhaltenskybernetik (Wissenschaft von der Steuerung und Regelung komplexer Systeme) und Elemente des modernen Tanzes.

Das Handlungskonzept der Kinästhetik in der Pflege entwickelte sich Mitte der 1980er Jahren durch Arbeiten von Frank Hatch und Lenny Maietta in engem Austausch mit Pflegekräften und Therapeuten.

Kinästhetik ist das Studium der Bewegung und der Wahrnehmung, die wiederum aus der Bewegung entsteht – sie ist die Lehre von der Bewegungsempfindung.

Lenny Maietta, Frank Hatch (2003)

Jede Bewegung und jeder Transfer soll so gestaltet werden, dass der Patient dabei die Selbstkontrolle über das aktuelle Geschehen hat und die gemachte Bewegungserfahrung nachvollziehen und der eigene Körper dabei als “wirksam” erfahren werden kann.

Ziel

Ziel der Kinästhetik können wie folgt definiert werden:

  • Mobilisation von Pflegebedürftigen, ohne Heben und Tragen, zu erleichtern
  • Bewegungsressourcen von kranken Menschen werden erkannt und genutzt
  • die körperliche Gesundheit von Pflegekräften zu erhalten

Konzepte

Die Kinästhetik beinhaltet das gemeinsame Lernen und Entwickeln von Bewegungsabläufen, die auf die individuellen Fähigkeiten des Patienten abgestimmt sind. Dadurch wird die Mobilisation sowohl für die Pflegekraft als auch für den Pflegebedürftigen leichter und angenehmer. In der Pflege gibt es sechs Kinästhetik-Konzepte, die für die Mobilisierung unverzichtbar sind. (→ siehe Abb. 1.1)

KonzeptBedeutung
InteraktionDurch Berührung und Bewegung hat der Pflegebedürftige die Möglichkeit, die Bewegung in seinem eigenen Körper nachzuvollziehen.
Funktionale AnatomieDer Pflegebedürftige kann durch die Anleitung seinen Körper erfahren, und es gelingtihm, die eigenen Ressourcen einzusetzen.
Menschliche BewegungDie Anleitung hilft dem Patienten, seine eigenen Bewegungsressourcen so zu nutzen, dass die Anstrengung gering ist.
AnstrengungDie Unterstützung hilft dem Betroffenen, die Anstrengung (Zug und Druck) in seinem eigenen Körper zu koordinieren.
Menschliche FunktionOrdnungssystem, um menschliche Aktivitäten zu verstehen und zu klassifizieren. Die Grundmuster der einzelnen Aktivitäten werden anhand der anderen Konzepte beschrieben.
UmgebungDie Umgebung ist für die Durchführung der entsprechenden Funktion geeignet.
Tabelle 1.1 Die 6 Konzepte der Kinästhetik

Prinzipien

  • Massen fassen – Zwischenräume spielen lassen (Massen: z. B. Thorax, Becken, Ober- und Unterarme, Ober- und Unterschenkel)
  • Zwischenräume: Nicht dort anfassen (z. B. Achselhöhle – Bewegungsmöglichkeiten werden sonst blockiert, der Pflegebedürftige verkrampft sich und kann seine eigenen Bewegungsmöglichkeiten nicht aktivieren!)

Umsetzung

  • Vertrauen zwischen Pflegebedürftigen und Pflegekraft anstelle von Hebeln und Tragen nutzen
  • Eine entspannte Muskulatur ist die Grundvorraussetzung um die Ressourcen des Pflegebedürftigen einzusetzen
  • Zug- und Druckkräfte anstelle von Hebel- u. Tragekräften einsetzen

Auswirkungen

Pflegebedürftige

Das Erfassen vorhandener Widerstände (z. B. Überforderung, Angst vor Schmerz, funktionale Einschränkung) und die fortgesetzte Anpassung des Bewegungsangebots mit dem Ziel der Spannungsregulation helfen dabei, im Zuge der Kinästhetikmaßnahmen folgende Auswirkungen zu erzielen:

  • Reduzierung von Angst
  • Schmerzreduktion
  • Reduktion des Schmerzmittelbedarfs
  • geringerer Unterstützungsbedarf
  • Reduzierung der Anstrengung → Sensibilität für taktil-kinästhetische Informationen steigt
  • kontinuierlicher und effektiver Austausch von Bewegungsinformation zwischen den Beteiligten wird als wesentliche Quelle für Bewegungslernen genutzt
  • Wiedererlangung der Selbstständigkeit bzw. die Erhaltung der Teilselbständigkeit

Mögliche Probleme:

  • Bei alten Menschen kann die Verbesserung des physiologischen Zustandes ausbleiben
  • körperliche Nähe wird vom Pflegebedürftigen und/oder der Pflegekraft nicht toleriert

Pflegekräfte

Für Pflegende bringt die Anwendung der Kinästhetik erhebliche Vorteile im Praxisalltag:

  • geringere physische Belastung (Gelenke, Rücken etc.)
  • höhere Anerkennung von Pflegebedürftigen
  • Steigerung der psychischen Belastbarkeit und beruflichen Zufriedenheit

Mögliche Probleme:

  • Bei alten Menschen kann die Verbesserung des physiologischen Zustandes ausbleiben
  • körperliche Nähe wird vom Pflegebedürftigen und/oder der Pflegekraft nicht toleriert

Literatur

  • Kinaesthetics in der Pflege: Effektive Bewegung zur Gesundheitsentwicklung, Ulrike Resch-Kröll, Bettina Hojdelewicz (2018), (1. Auflage). Facultas, Wien (Taschenbuch, 216 Seiten). – ISBN 978-3708915920
  • Kinaesthetics: Bewegung fördern – Wahrnehmung schulen, Birgit Grüneberg (2019), (1. Auflage). Vincentz Network, Hannover (Taschenbuch, 107 Seiten). – ISBN 978-3748600732
  • Praxisbuch Kinaesthetics: Erfahrungen zur individuellen Bewegungsunterstützung auf Basis der Kinästhetik, Maren Asmussen (2009), (2. Auflage). ‎ Urban & Fischer Verlag/Elsevier GmbH (Taschenbuch, 208 Seiten). – ISBN 978-3437275715

Quellen

  • Pflege, Menche, N. (2019). Pflege Heute: Lehrbuch für Pflegeberufe (7. Aufl.). Urban & Fischer Verlag/Elsevier GmbH. – ISBN 978-3437267789
  • Kinästhetik (Pflege) | DocCheck (abgerufen am 29. November 2021)
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